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Prävention | HintergründeDas Geschlechterverhältnis mit den Polen
weiblich/männlich ist weder biologisch bedingt noch statistisch sondern als historisch
geworden und deshalb ein veränderbares Verhältnis, welches von Jungen und Mädchen aktiv
angeeignet und von Männern und Frauen täglich neu hergestellt wird.
- Wir können beobachten, dass Jungen schon in ihrer frühen Kindheit
- Erleben, dass Politik vor allem von Männern gestaltet wird
- Erfahren, dass ihre Väter meist außer Haus arbeiten
- Lernen das die Hausarbeit, Kinderbetreuung und Pflege vor allem von Frauen erledigt wird
- Auf der Straße beobachten, dass Autos von Männern geputzt und repariert werden
- Im Kindergarten fast nur von Frauen erzogen werden
- Bemerken, dass im Sportfernsehen überwiegend Männersport gezeigt wird
- In der Werbung oft nackte Frauen, aber fast nie nackte Männer sehenà Fast niemals
weinende Männer sehen
- Meistens von Müttern getröstet und von Männern ermutigt werden
- Fast immer männliche Helden in den sogenannten Jugendfilmen im Kino erleben
- Lernen, dass der Weg in eine berufliche Karriere für Männer meistens leichter ist als
für Frauen.
In der geschlechterreflektierenden Jungenarbeit geht es um Grenzen und um
Sensibilisierung, um Erfahrungsräume, den Zugang zu Bedürfnissen und Gefühlen, um
Stärkung der Jungen, um Selbstbewusstsein ohne Fassade - um einen reflektierten Zugang
auf Jungen und deren Lebens- und Problemlagen. (Es geht darum, neben den Problemen die
Jungen oft genug verursachen, auch die Probleme in den Blick zu nehmen die Jungen haben.
Sie sind nicht nur Problemverursacher sondern auch Problemträger.)
Die Notwendigkeit einer geschlechterreflektierenden Arbeit mit Buben und Burschen ist
heutzutage besonders gegeben, da aufgrund des Effekts der Individualisierung und
Pluralisierung von Lebenszusammenhängen die Bedeutung des sozialen und
biologischen Geschlechts, als eine Möglichkeit die eigene Person wahrzunehmen und zu
präsentieren, zugenommen hat. Buben und männliche Jungendliche stehen dabei unter
starkem Druck sich als "richtig männlich" zu präsentieren.
Die verankerte Dominanz kultureller Männlichkeitsmuster sieht Jungen
als "Problemträger" nicht vor. Probleme von männlichen Jungendlichen wurden
(wegen fehlender Jungenperspektive) lange Zeit ausgeblendet und verdrängt, was zur
Entstehung kritischer Problem-Bewältigungsformen, als Grundmuster männlicher
Sozialisation, beigetragen hat:
- Das Externalisieren (Verlagerung der Wahrnehmung und des Handelns nach
außen) ist verbunden mit einem Mangel an Selbstbezug und einer Stummheit,
die aus der Unfähigkeit Kontakt nach "innen" zu finden resultiert;
- Verschiedene Gewaltformen die als Durchsetzungsmedium gegen andere und
Unterdrückungsmechanismus eigener positiver Emotionalität verstanden werden;
- Die Benutzung von Personen und der Umwelt als Objekte im Sinne eines
instrumentalisierten Umgangs;
- Mangelnde Wahrnehnung des eigenen Körpers und das Funktionalisieren eigener und
fremder Körper mit folgender Intimitätsvermeidung.
"Hätten Männer als Jungen mehr und differenziertere Möglichkeiten gehabt,
männliche Identität auch außerhalb von Abgrenzung, Härte und Schwächeverleugnung zu
entwickeln, stünden sie vermutlich weit weniger unter Zugzwang, mit aller Gewalt den
Eindruck zu vermeiden, sie seien keine richtigen, allen Erfordernissen genügenden
Männer. (...) Männer schlagen aus Vorsorge, um einer Entlarvung im wörtlichen Sinne
zuvorzukommen" (Schnack/Neutzling, Kleine Helden in Not, 1990, S.244).
Geschlechterreflektierende Jungenarbeit ist mit hohen Erwartungen, die sie gerecht zu
werden bemüht ist, konfrontiert:
Sie soll
- stereotype Vorstellungen von Männlichkeit hinterfragen
- helfen die Wahrnehmung auf sich selbst und die eigenen Lebensverhältnisse zu richten
- Kommunikation und Konfliktaustragung mit anderen üben
- andere nicht konkurrente Verhaltensweisen zwischen Jungen erlebbar machen
- Burschen lehren Bezogenheit zu sich selbst und ihrer Umwelt herzustellen und aufnehmen
zu können
- Burschen lehren ihre Körperlichkeit neu wahrnehmen zu lernen - innere
Körperempfindungen wie Gefühle und Zärtlichkeit nicht zu funktionalisieren
- Burschen verschiedene Bilder von Männern und verschiedene männliche Lebensentwürfe
vermitteln
- kritische Reflexion der Geschlechterverhältnisse betreiben
- die Sensibilisierung für alltägliche Gewalt fördern & die eigene passive und
aktive Betroffenheit thematisieren
- positiv bewertete Perspektiven eröffnen
- gewalttätiges, sexistisches & abwertendes Verhalten begrenzen und zum
partnerschaftlichen Umgang befähigen, der durch soziale Kompetenz gekennzeichnet ist und
die eigenen & anderen (fremden) Grenzen erkennt und akzeptiert
- bei Burschen Ansatzpunkte finden, an die es positiv anzuknüpfen gilt
- Schwächen thematisieren
- den Blick über die real vorhandenen Schwierigkeiten, auch auf die
vorhandenen Stärken richten und diese stärken
- Jungen differenzieren: Die einen sind so, die anderen so. D.h. einige Burschen können
Wut, Tränen, Mutlosigkeit und Schwäche (Freude, Hoffnung etc.) ausdrücken und es gibt
sie die Jungs, die über kommunikative Kompetenzen verfügen und diese auch in
koedukativen Gruppen zeigen können.
- den Burschen Mut machen die Dinge anzusprechen, denn es gibt eine Gruppendynamik mit
schablonenhaften Männlichkeitsnormen und der gegenseitigen Kontrolle der Einhaltung von
Verhaltensvorschriften, hinter denen meist kein einziger voll dahinter steht. Diese
unausgesprochenen Normen verstärken den Identitätsdruck und die Angst davor die
Männlichkeit abgesprochen zu bekommen.
- Ängste thematisieren - etwa die Angst vor der Gruppe etwas falsches zu sagen, sich zu
blamieren, bloß zu stellen - und damit den vorherrschende
"Überlegenheitsimperativ" entlarven.
- helfen eigene Kräfte zu spüren und lehren das Ausleben von Körperlichkeit auf soziale
Art und Weise zu betreiben; d.h. unter Beachtung von bestimmten mit allen Beteiligten
besprochenen Regeln
- die Kommunikationsfähigkeit in Gruppen verbessern
- eigene Grenzen spüren helfen - diese herausfordern und gelegentlich erweitern - im
Sinne einer schöpferischen Umweltgestaltung
- innerhalb der Gruppe der Burschen, ausgehend vom Bewusstsein eigener Bedürfnisse und
Interessen, einen Standpunkt der Umsichtigkeit & gegenseitigen Wertschätzung
entwickeln, jenseits von männerbündischen Seilschaften
(vgl. Uli Boldt -2004: "Ich bin froh, dass ich ein Junge bin - Materialen zur
Jungenarbeit in der Schule") |